ixquick
Auf meiner homepage Im web

Genf - die Russische Hauptstadt der Schweiz

Dass sich Genf zum Russischen Zentrum in der Schweiz entwickelte und aufgrund des Sitzes vieler internationaler Organisationen bis heute geblieben ist, hat einerseits praktische sprachliche Gründe - beherrschten doch viele Russische Adelige die französische Sprache mindestens so gut wie die ihres Heimatlandes und war Paris, das frühere Ziel ihrer kürzeren oder längeren Auslandaufenhalte, nach der französischen Revolution und den Jahren nachrevolutionärer Wirren zu einem zusehends "verdächtigen, gefährlichen und schmutzigen" Ort geworden, und ist andrerseits eng mit zwei Männern verknüpft: den Genfer François Le Fort sowie den Schriftsteller und Reformator der Russischen Sprache Nikolai Michailowitsch Karamsin (Николай Михайлович Карамзин).

1687 nahmen die Republik Genf und die Moskauer Kanzlei für auswärtige Angelegenheiten offizielle Beziehungen auf und tauschten Gesandte aus; dies auf Wunsch der Genfer Regierung, welche sich damit für die hohen militärischen Ehren ihres Mitbürgers François Le Fort am Zarenhof bedanken wollte. Le Fort stand damals erst am Beginn seiner militärischen Karriere in Russland, wo er es noch bis zum ersten Russischen Admiral überhaupt und insbesondere zum persönlichen Freund, Berater und nicht zuletzt auch Zechkumpan Peter des Grossen bringen sollte. An Le Fort erinnert heute noch der Moskauer Stadtbezirk Lefortowo (Лефортово), welcher nicht allzu bekannt sind, wogegen sich Generationen politischer Gefangener wohl zeitlebens und alles andere als freudig an das gleichnamige Lefortowo-Gefängnis erinnern.
Nikolai Michailowitsch Karamsin unternahm 1789/90 eine ausgedehnte Europareise und veröffentlichte ab 1791/92 seine sechsbändigen Briefe eines russischen Reisenden (Рисьма русского путешественника), in welchen er viele Orte der Schweiz detailliert, Genf dagegen nur mit ein paar wenigen Zeilen beschrieb und welche Generationen nachfolgender russischer Europareisender als Reiseführer dienen sollte.
Trotz seiner Anziehungskraft hatten viele der Russischen Gäste Genfs ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Stadt, dem Klima und ihren Bewohnern. So schrieb Nikolaj Gogol (Николай Василевич Гоголь) im Sommer 1836 an seine Mutter: "... ich bin durch die schönsten Schweizer Städte gefahren, Bern, Basel, Lausanne, und am vierten Tag bin ich in Genf angekommen. Die Alpenberge haben mich fast überall begleitet. Etwas Schöneres habe ich noch nie gesehen." Bereits wenige Tage später dagegen in einem Brief an einen Freund: "Was soll ich dir über die Schweiz berichten? Überall nur schöne Aussichten, sodass mir schon übel davon wird. Würde sich mir jetzt eine gemeine, flache russische Landschaft mit einer Blockhütte und einem grauen Himmel bieten, ich wäre wohl in der Lage, mich daran zu ergötzen...".
Eher der Kategorie aristokratischer Standesdünkel und Snobismus zuzuordnen sind dagegen wohl die Bemerkungen des Grafen Aleksandr Osterman-Tolstoj gegenüber Aleksandr Herzen: "...Nun, erlauben Sie, was ist denn das für eine Aristokratie, als ob das Herstellen von Uhren und das Fangen von Forellen über ein paar mehr Generationen hinweg als der Nachbar des titres einbrächte; und was ist das für ein origine von Reichtum, der eine handelt mit geschmuggelten Waren, der andere ist dentiste bei einer Prinzessin... ".
Bei den wenig schmeichelhaften Bemerkungen Dostojewskis zu und über Genf: "...Alle zehn Tage habe ich einen Anfall und brauche anschliessend fünf Tage, um wieder zu mir zu kommen. Das Klima in Genf ist abscheulich, zurzeit haben wir schon seit vier Tagen Sturmwetter, und zwar ein solches, wie es in Petersburg nur einmal im Jahr vorkommt. Und die Kälte - füchterlich! ... Die Sitten hier sind barbarisch: oh, wenn Sie wüssten, was man hierzulande für gut, was für schlecht hält. Die allgemeine Entwicklung ist auf einem sehr niedrigen Stand: Trunksucht, Diebstahl und Betrügerei sind weit verbreitet, letztere gehört ganz selbstverständlich zum Handel" darf man wohl Dostojewskis und seiner Frau Anna Grigorjewna Snitkina persönliche Tragödie - die Geburt ihrer Tochter Sonja im Februar 1868 und deren Tod im Mai desselben Jahres in Genf - und die Dostojewskis notorischer Spielsucht geschuldete permanente Geldnot nicht vergessen. Im übrigen schien sich Dostojewski nicht nur mit der Genfer Bevölkerung, sondern auch mit den RussInnen in Genf schwer getan zu haben, schrieb er doch seinem Freund Majkow nach Russland: "...Ich kenne hier niemanden und bin froh darüber. Mit unseren Neunmalklugen (gemeint sind die Russischen Revolutionäre in Genf) zusammenzusitzen ist mir zuwider. Diese armen, kläglichen Figuren, von Eigenliebe verweichlicht, Unflat! Widerwärtig! Herzen habe ich zufällig auf der Strasse getroffen, wir haben uns zehn Minuten in feindselig-höflichem Ton unterhalten, gespöttelt und uns getrennt. ..."
Abschliessend noch der bereits erwähnte Alexander Herzen, der 1849 erstmals nach Genf kam und und bis seinem Tod 1870 in Genf für kürzere und längere Perioden immer wieder dorthin zurückkehrte: "Der Gedanke an sie (die Stadt Genf) ist für mich untrennbar verbunden mit dem Gedanken an den kältesten und trockensten grossen Menschen und an den kältesten und trockensten Wind: an Calvin und an die Bise. Beide kann ich nicht ausstehen."
Zurück zur Übersicht RussInnen in der Schweiz

Informationen über diese Website

Evgeniya Merkulova · Würzenbachstrasse 66 · CH-6006 Luzern
Valid XHTML 1.0 Transitional Valid CSS Level 2.x Optimiert zur korrekten Anzeige mit Opera, der sicherste, schnellste und beste Internet-Browser  Firefox, die passable Alternative zu Opera Der Internet Explorer, ...nun ja, surfen lässt sich natürlich auch damit...